Bericht aus der RWTextilservice 6/2015 von Mareike Knewitz Artikel als PDF zum herunterladen

Wenn Übergabe funktioniert

Die Übergabe des eigenen Betriebs an einen neuen Inhaber ist für die meisten Textilreiniger nicht leicht.
Martin Schwind von der Norge Textilreinigungs GmbH kennt die Herausforderungen auch aus Sicht des Käufers.
Er hat bereits Betriebe übernommen – und erfolgreich in sein Unternehmen eingegliedert.


Martina Wörsinger steht in ihrem ehemaligen Reinigungsbetrieb und bügelt. 15 Jahre lang betrieben sie und ihr Mann die Wörsinger-Textilpflege in Crailsheim. Dann mussten sie das Unternehmen aus gesundheitlichen Gründen übergeben. Die Wahl fiel Ende 2014 auf die Norge Textilreinigungs GmbH aus Boxberg. Über diese Entscheidung ist Martina Wörsinger, die als Filialleiterin noch immer hinter dem Tresen in der Grabenstraße steht, froh: „Heute schlafe ich besser.“
Bei der Übergabe einer Textilreinigung an einen neuen Besitzer gibt es einige Hürden zu überwinden. Der Käufer entscheidet beispielsweise, ob und wie das Personal übernommen wird und ob der Betrieb in den vorherigen Geschäftsräumen bleibt. Die Einbindung des Betriebs in die neue Unternehmenskultur klappt nicht immer reibungslos. Für den Vorbesitzer ist die Übergabe meist eine emotionale Angelegenheit. Dennoch traut sich Martin Schwind, Geschäftsführer bei Norge, immer mal wieder an die Übernahme bestehender Betriebe. Seine Frau Simone Schwind unterstützt ihn hierbei stets tatkräftig.
Vom Franchisenehmer zum eigenen Betrieb
Die Norge Textilreinigungs GmbH mit dem Zentralbetrieb in Boxberg im Main-Tauber-Kreis in Baden-Württemberg war ursprünglich Teil des Norge-Franchisesystems aus den USA. Zeitweise gab es in Deutschland um die 1.200 Norge-Reinigungen. Als das Unternehmen Ende der 70er Jahre insolvent ging, durfte Schwinds Onkel und damaliger Lizenznehmer weiter unter dem Namen „Norge“ werben und arbeiten. Ende der 80er Jahre übernahm Martin Schwind das Unternehmen und baut es seitdem aus. Heute hat der Betrieb neben der Zentrale in Boxberg acht weitere Filialen sowie 183 Annahmestellen. Das Gebiet von Norge umfasst die Regionen Tauberfranken, Neckar-Odenwald, Rems-Murr-Kreis, Main-Spessart, Main-Franken, Ostalb und Hohenlohe.
In den Filialen wird die Wäsche abgegeben, gebügelt und ausgeliefert. Gereinigt wird in der Zentrale in Boxberg. Dort stehen zwei Per- sowie zwei KWL-Reinigungsmaschinen, die insgesamt 100 kg Wäsche in der Stunde reinigen. Zusätzlich gibt es zwei Maschinen für die Nassreinigung, die insgesamt 50 kg Wäsche in der Stunde waschen. Da es sich hierbei um Nassreinigungsmaschinen handelt, wird in der Zentrale keine Flachwäsche gewaschen. Hierfür arbeitet Norge mit Partnern zusammen.
Das Unternehmen plant weiterhin, neue Regionen zu erschließen und zu expandieren. Dabei spielt es für Schwind aber eine untergeordnete Rolle, ob künftig zu übernehmende Betriebe mit oder ohne Reinigungsmaschinen weitergeführt werden sollen.
Organisation der Übernahmen
Im Juli 2011 übernahm Norge die Traditionsreinigung Eickholz in Aalen. Der damalige Inhaber Ewald Eickholz, der den Beruf des Textilreinigers 52 Jahre lang ausübte, entschied sich nach Verhandlungen, an das Unternehmen aus Boxberg zu übergeben. Der zentrale Reinigungsbetrieb wurde geschlossen, die Filiale in der Aalener Innenstadt übernommen. Bei Übernahmen regelt Norge den Mietvertrag für die Filialen stets neu. Neu-Mieter und Vermieter einigen sich nicht immer über die Konditionen – so auch in Aalen. „Die Vermieterin wollte, dass wir Renovierungsarbeiten leisten. Daraufhin wollte ich die Miete mindern. Das wiederum wollte die Vermieterin nicht. Da blieb dann nur noch der Umzug in einen anderen Laden“, erzählt Schwind. Heute ist die Filiale 50 m vom alten Standort entfernt. Zur Übernahme eines Betriebs gehören auch dessen Annahmestellen. Hierfür ist eine gewisse Vorlaufzeit nötig. Ewald Eickholz hat im Übergabeprozess den neuen Besitzer in einem Brief an die Annahmestellen vorgestellt und hat diese gemeinsam mit Martin Schwind abgefahren. Mit den Annahmestellen handelt Schwind neue Verträge aus. Die alten Konditionen bleiben jedoch meist weitestgehend bestehen. Bei der Umgestaltung der Geschäftsräume ist die Veränderung drastischer. Da Norge lediglich im Zentralbetrieb in Boxberg reinigt und in den Filialen bügeln lässt, werden die Reinigungsmaschinen aus den alten Betrieben entfernt. Bei der Wörsinger- Textilpflege in Crailsheim kam die Entrümpelung des Kellers hinzu. Das dauerte zwei Monate. „Sogar das Geländer musste vorläufig abgenommen werden“, erzählt Schwind. Es kommt aber auch neue Technik hinzu. Norge hat ein zentrales Kassensystem, das nun auch Martina Wörsinger verwendet. Für die 52-Jährige war die Umstellung aber kein Problem. „Wenn man das wirklich will, dann kommt man auch damit zurecht“, findet sie.
Offene Kommunikation
Im Umgang mit den Inhabern spielt Offenheit eine große Rolle, weiß Schwind. Verlässliche Zahlen müssen ebenso in die Verhandlungen eingebracht werden wie ehrliche Worte. Hierbei ist auch Sensibilität gefragt. „Für die Vorbesitzer ist eine Übergabe eine emotionale Angelegenheit“, erklärt Schwind. Ihm ist wichtig, dass die Inhaber wissen, wie es nach der Übernahme mit den Betrieben nach Schwinds Vorstellungen weitergehen soll. Den Charakter der einzelnen Geschäfte möchte Schwind erhalten. Dazu gehört auch, dass die Mitarbeiter dort ihre eigenen Vorstellungen und Arbeitsweisen mit einbringen. „Ich kommuniziere eher, anstatt große Vorgaben zu machen“, sagt Schwind. Dieser Aussage stimmt Martina Wörsinger zu. Sie ist froh über die Entscheidung, das Geschäft an Norge übergeben zu haben. „Ich konnte nicht mehr alles alleine stemmen“, erklärt sie ihren Schritt zum Verkauf des Betriebs.
Alte und neue Mitarbeiter
In Crailsheim wurden neben Martina Wörsinger auch deren Mitarbeiter übernommen. Schwind stellte zusätzlich einen neuen ein. Das Personal in Aalen wurde nur zum Teil übernommen, da sich einige Teilzeitkräfte bereits im Übergang zum Ruhestand befanden. Drei Mitarbeiter wollte Schwind übernehmen. Nach vorheriger Zusage verließen jedoch zwei den Betrieb, sodass die gesamte Arbeit auf einem Mitarbeiter lastete. Das beschreibt ein Problem, das laut Schwind bei Übernahmen mitunter häufiger auftritt: Ändert sich das Geschäftsmodell, ziehen manche Mitarbeiter nicht mit. Halten sie an alten Strukturen fest, wird die Zusammenarbeit schwierig. „Die Mitarbeiter müssen sich in die aktive Mitarbeit versetzen, um die neuen Strukturen zu verstehen und anzunehmen“, weiß Schwind aus Erfahrung. Daher sei eine offene Kommunikation besonders wichtig. Insgesamt hat Norge 60 Mitarbeiter. Martin Schwind legt großen Wert auf ein gutes Arbeitsklima und das Verhältnis der Mitarbeiter zueinander. Trotz der Entfernung der Filialen zueinander kennen sich die Mitarbeiter. Im letzten Jahr sind sie sogar gemeinsam auf das Oktoberfest gegangen. Bei Weihnachtsfeiern bricht Schwind gerne mal die Tischordnung auf und setzt Mitarbeiter aus unterschiedlichen Filialen nebeneinander. Das fördert den Austausch und das Zugehörigkeitsgefühl. Bei Norge ist die Fluktuation der Mitarbeiter niedrig. Auch die Mitarbeiter aus den neuen Filialen sollen sich schnell in das Unternehmen integrieren. „Das klappt nach einiger Zeit auch ganz gut“, erzählt Schwind.
Werbetechnische Begleitung
Nach der Übergabe werden die Filialen nicht unmittelbar umbenannt. Dadurch können sich Kunden und Mitarbeiter langsam an die Veränderungen gewöhnen. Das ist wichtig, um den Kundenstamm zu erhalten. Mitarbeiter sollen den Übergabeprozess den Kunden transparent machen. Nach dem Umzug des ehemaligen Betriebs von Ewald Eickholz in den neuen Laden um die Ecke wurde das Unternehmen Norge werbetechnisch aufgezogen. Die Innenräume wurden an einigen Stellen grün gestrichen – passend zum Corporate Design der Textilreinigungs GmbH. Marketing ist aber nicht nur bei Übernahmen förderlich. Jährlich investiert Schwind mehr als 30.000 Euro in Werbung. Beispielsweise bewirbt er mit Flyern seine aktuellen Aktionen. Das lohnt sich. „Nachdem wir eine Aktion mit Decken gemacht haben, bearbeiten wir über das ganze Jahr verteilt ein Vielfaches mehr an Decken“, erzählt Schwind. Die Flyer liegen in jeder Filiale für den Kunden aus – so auch in Aalen und Crailsheim. Über der Filiale in Crailsheim prangt noch immer das Logo der Wörsinger-Textilpflege. „Am Anfang fühlte es sich komisch an, dass es nicht mehr unser Betrieb ist. Aber ich kann ja immer noch eigenverantwortlich arbeiten“, erklärt Martina Wörsinger. Ob sie etwas vermisse? „Das Flecken rausmachen fehlt mir manchmal schon“, lacht sie, bevor sie den nächsten Kunden bedient, der gerade zur Tür hereinkommt.
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